Kunsthalle Wien

Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52189-1201
F: 0043 (0)1 52189 1260

E: office@kunsthallewien.at
W: http://www.kunsthallewien.at/


weitere Ausstellungen

Andrea Büttner. Beggars and iPhones

Jun 8, 2016 bis Sep 18, 2016

tn "Beggars" nennt Andrea Büttner eine Werkreihe großformatiger Holzschnitte, die zeichenhaft reduzierte Frontalansichten körperverhüllter Gestalten mit nach unten weisenden Händen zeigen. Die Figur des Bettlers in ihrer stark abstrahierten Form hat Andrea Büttner mehrfach ins Medium des Holzschnitts übersetzt – ein Resultat langjähriger Auseinandersetzung der Künstlerin mit Ikonografien der Armut in der bildenden Kunst.

Die Dualität der Gesten der Bittstellung – die ausgestreckten Hände – und der Beschämung – die Verhüllung – bringt Büttner hier auf eine einfache, in mehreren Variationen vorgeführte Bildformel. Diese kann auch allgemeiner angewendet werden auf das Verhältnis zwischen nach außen, an die "Öffentlichkeit" gerichteten und somit kommunizierbaren Ausdrucksweisen und allein persönlich empfindbaren und somit nicht kommunizierbaren Gefühlen und Befindlichkeiten. Andrea Büttners künstlerisches wie auch philosophisches und soziokulturelles Interesse gilt prinzipiell dem Bereich des Übergangs von der Extra- zur Introversion, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren.

Unsichtbar etwa bleibt gemeinhin der "Ausdruck" einer individuellen und heute zugleich massenhaft vollzogenen "Geste", nämlich der des manuellen Wischens auf den Displays unserer Mobiltelefone. Andrea Büttners "iPhone etchings" zeigen persönliche Fingerspuren, die sie bei diversen Suchen im Netz auf ihrem Smartphone hinterlassen hat, stark vergrößert und ins Medium der Farbradierung übersetzt. Diese mit sowohl manuell-analogen als auch digitalen Mitteln erzeugten Bilder erinnern an informelle bzw. "gestische" Malerei und sind so betrachtet Hybride aus alten und neuen Technologien. Auch dieses Verknüpfen von historischen oder traditionellen Kunstformen mit neuesten Möglichkeiten der Bildgenerierung ist charakteristisch für Andrea Büttners transmediales Schaffen.

Mit ihren installativen, vorzugsweise selbst konzipierten Werkarrangements war Andrea Büttner bereits in zahlreichen international führenden Kunstinstitutionen, auf Biennalen und 2012 auch auf der documenta vertreten. Der für ihre erste Einzelausstellung in Österreich vorgesehene Ausstellungsraum der Kunsthalle Wien Karlsplatz eignet sich aufgrund seiner offenen Lage im Stadtraum besonders gut zur Umsetzung ihres Konzepts der Durchdringung bzw. Umkehrung gewohnter Vorstellungen von Innen und Außen, von Wahrnehmbarem und Verborgenem.

So hat die Künstlerin für "Beggars and iPhones" ein spezielles Setting entworfen, das vom Außenraum aus die zur Vorbereitung der Ausstellung an- bzw. abfallenden "verlorenen Materialien" zum Vorschein bringt, während der Innenraum als klassischer "Cube" der Präsentation ihrer zwei- und dreidimensionalen Arbeiten dient. Dazu zählen neben den genannten Holzschnitten und Radierungen u.a. auch Hinterglasmalereien, Fotocollagen, 3D-Fotoscreenings sowie eine damit thematisch verbundene Installation aus getrockneten Moosbeeten.

Zwischen 2010 und 2014 beschäftigte sich die Künstlerin u.a. in der naturwissenschaftlichen Sammlung des National Museum Cardiff mit Moosen, um in der Folge Beete mit zunächst frischem Moos als Installationen in ihren Ausstellungen einzusetzen. Moos wächst zumeist am Boden und im Schatten anderer Pflanzen, wird von der Botanik den "niederen Pflanzen" zugeordnet und ist für den Menschen von geringem wirtschaftlichem Nutzen. Aus der Nähe und nur für sich betrachtet verkehren sich derartige (De-)Klassifizierungen in die reine Bewunderung des Naturschönen.

Ist uns bewusst, welches Potenzial in diesen unscheinbaren Pflanzen schlummert, die hier vertrocknet, als gleichsam leblose "Kultur" präsentiert werden? Vermögen doch einige Moosarten – eine weitere symbolische, fast religiöse Geste – mit Hilfe von Wasser jederzeit wieder lebendig zu werden. Andrea Büttner reißt mittels ihrer zunächst gänzlich unspektakulär wirkenden Raum-Assemblagen eine Fülle an Selbstverständnissen auf und ebenso viele Fragen an. Nicht zuletzt auch diejenige, welche Position ein Kunstwerk zwischen der intimen Praxis seiner Produktion und der öffentlichen Praxis seines Ausstellens einnimmt.


Andrea Büttner. Beggars and iPhones
8. Juni bis 18. September 2016

Moss Garden, 2014. Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles; © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Robin Maggs, © National Museum Wales
Beggar, 2015. Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles; © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Jaka Babnik
Phone Etching, 2015. Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles; © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Jaka Babnik
Stereoscopic slide show from the Whitehouse collection (mosses and field trips) (Detail), 2014. Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles; © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Harold und Patricia Whitehous