Museum Rietberg

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Magie der Zeichen. 3000 Jahre chinesische Schriftkunst

Nov 20, 2015 bis Mär 20, 2016

tn "Schriftkunst ist wie der Genuss von gutem Wein, sie kann alle Sorgen vertreiben" meinte der berühmte Gelehrtenkünstler und hochrangige Politiker Su Shi im 11. Jahrhundert. Noch tausend Jahre später bezeichnet der namhafte chinesische Konzeptkünstler Xu Bing die Schriftkunst als Kern der traditionellen chinesischen Kultur: "Sie lässt uns verstehen, woher wir kommen, wer und warum wir sind."

Die einzigartige Schriftkultur prägt China seit gut 3000 Jahren und ist ein wesentlicher Grund für die in der Weltgeschichte einmalige kulturelle Kontinuität und Kohärenz des Landes. Die Ausstellung beleuchtet die chinesische Schriftkultur in all ihren Facetten. Dabei liegt der Fokus auf den vielfältigen Funktionen, die der chinesischen Schrift im Laufe der Jahrhunderte zugeschrieben worden sind. So werden in dieser Ausstellung – auch ohne jegliche Lese- oder Schreibkenntnisse des Chinesischen – faszinierende Einblicke in die sozialen, politischen und kulturellen Dimensionen der chinesischen Schrift gewonnen.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den frühesten Schriftzeugnissen bis zur zeitgenössischen Kunst und lädt ein zu einer spannenden Entdeckungsreise durch die Welt der chinesischen Schrift. Neben Kunstwerken von Chinas berühmtesten Schreibmeistern vom 11. bis zum 20. Jahrhundert wird eine Vielzahl weiterer Objekte präsentiert, darunter archaische Bronzegefässe und Tierknochen mit Botschaften an den Himmel, religiöse Manuskripte, poetische Tuschemalereien, buddhistische Skulpturen, Siegel und Abreibungen mächtiger Steinstelen. Sie alle illustrieren die vielen verschiedenen Funktionen der Schriftzeichen in Chinas Kultur. Sie sind nicht nur Ausdruck ästhetischer Perfektionierung, intellektueller Brillanz, religiöser Sehnsucht oder meditativer Versenkung, sondern erzählen auch packende und unerwartete Geschichten von treuen Staatsdienern und aufmüpfigen Kunstrebellen, von moralischer Kultivierung und politischer Propaganda oder von weinseligen Dichtertreffen und mystischen Naturerlebnissen. Erstmals wird das Thema der chinesischen Schriftkunst damit in umfassender Weise beleuchtet, von ihren Anfängen bis in unsere heutige Zeit.

Die Kalligrafie, die Kunst des Schreibens, galt unter den Gebildeten und Mächtigen des alten Chinas als meist geschätzte Kunstgattung und als höchste Form der kreativen Selbstdarstellung. Die individuelle Handschrift, heisst es, offenbare den Charakter eines Menschen. Daher wurden die Schriftstile von herausragenden Persönlichkeiten oft mit konkreten politischen und moralisch-ethischen Werten verbunden und zu wichtigen Vorbildern. Durch Zitate und Rückgriffe auf bestimmte Stilelemente brachten die chinesischen Gelehrtenkünstler in ihren Schriftkunstwerken ihre persönlichen und weltanschaulichen Ansichten auf subtile Weise zum Ausdruck. Schriftkunst als kreatives Ventil für Lust und Frust war ebenso Mittel der Selbstreflexion wie auch Teil des politischen Networking – und ist es bis heute geblieben. Im Jahre 2003 meinte der damals 90-jährige Pionier der zeitgenössischen Schriftkunst Huang Miaozi: "Noch heute schreibe ich jeden Morgen einen Satz aus den Klassikern. Ich werde mir dabei meiner Gefühle bewusst, denn mit dem Pinsel kann ich flüstern und schreien, das Papier streicheln oder wie mit einer Axt zuschlagen."

Im Zuge der rasanten Modernisierung und Globalisierung besinnen sich die Kunstschaffenden in China heute vermehrt auf das eigene kulturelle Erbe. Vor allem die Schriftkunst mit ihren vielfältigen ästhetischen, philosophischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bezügen wird dabei zur Projektionsfläche für gegenwartsorientierte Fragestellungen. Die Ausstellung zeigt innovative und ausdrucksstarke Werke der renommiertesten und interessantesten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart und Moderne, unter anderen vom experimentellen Sprach- und Schriftkünstler Xu Bing (geb. 1955), der mit zwei neu erfundenen Schriftsystemen die universelle Lesbarkeit von Kunst vor Augen führt; von Gu Wenda (geb. 1955), einer der Gallionsfiguren der unabhängigen Kunstszene Chinas der 1980-er Jahre, der in der Ausstellung mit einem damals von den Behörden zensurierten Werk vertreten ist; vom Performance-Künstler Zhang Huan (geb. 1965), dessen Gesicht bzw. Identität und Herkunft im Laufe von neun Fotografien nach und nach hinter der Wucht von mit Pinsel und Tusche geschriebenen Familiennamen und Worte verschwindet, oder von Lu Qing (geb. 1965), die in meditativer Versenkung eine über 40 Meter lange Seidenbahn während einem Jahr mit winzigen Quadraten bemalte.

Diese Künstler und Künstlerinnen vertreten die verschiedensten Kunstrichtungen. Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Materialien und Medien wie Tuschemalerei, Porzellan, Video, Holzschnitt und Fotografie. Und ihre Werke decken die ganze Bandbreite von ikonoklastischen bis hin zu affirmativen, nostalgischen und ironisch-humorvollen Haltungen ab. Indem die zeitgenössischen Werke nicht nur integriert, sondern den klassischen Werken direkt gegenübergestellt werden, entspinnt sich ein spannender Dialog zwischen damals und heute, zwischen Tradition und Innovation. Eigens für die Ausstellung schafft zudem die Künstlerin Cui Fei (geb. 1970) ein poetisches "Schriftwerk" aus Weinreben, und der experimentelle Schrift- und Siegelkünstler Lu Dadong (geb. 1973) greift auf eine uralte Praxis zurück – Schriftkunst als Performance.

Zahlreiche Museen und Sammlungen bereichern die Show mit wertvollen Leihgaben, darunter das Metropolitan Museum of Art in New York, die Bibliothèque Nationale de France in Paris, das Museum für Asiatische Kunst in Berlin und die weltbekannte Sammlung von Uli Sigg, die zum grossen Teil dem Museum M+ in Hongkong geschenkt wurde. Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln, Hauptleihgeber der Ausstellung, wird die vom Museum Rietberg konzipierte Schau im April 2016 als zweite Station präsentieren.


Ausstellungskatalog: Der Katalog führt in die magische Welt der chinesischen Schrift ein. Anhand der sechs Ausstellungsthemen beleuchtet er die verschiedenen Facetten und Funktionen von Schrift und Kalligrafie. In Bild und Text macht er die Kunstwerke erlebbar. "Magie der Zeichen – 3000 Jahre chinesische Schriftkunst", hrsg. von Kim Karlsson und Alexandra von Przychowski, Museum Rietberg Zürich und Scheidegger & Spiess: 2015. Hardcover, 192 Seiten, ca. 120 Abbildungen in Farbe, 24 x 30 cm, CHF 45.

Magie der Zeichen. 3000 Jahre chinesische Schriftkunst
20. November 2015 bis 20. März 2016

Sutra der Buddha-Namen; Dunhuang, Provinz Gansu, 8. Jahrhundert. Querrolle, Tusche und Farben auf Papier, 26,5 x 801 cm. Bibliothèque Nationale de France, Manuscrits orientaux; Pelliot chinois 4639. © Bibliothèque Nationale de France
Min Qiji (tätig 1580–1661): Cui Yingying beim Kalligrafieren. Aus dem Album 'Das Westzimmer', Ming-Dynastie, datiert 1640. Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm. Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Sammlung A. Breuer; © Foto: Sabrina Wal
Shi Lu (1919–1982): Enten und Pfirsichblüten, Frühe 1970er-Jahre. Hängerolle, Tusche und Farbe auf Papier, 67,9 x 94 cm;.The Metropolitan Museum of Art, New York; Geschenk Robert Hatfield Ellsworth, 1986. © bpk/The Metropolitan Museum of Art
Deckplatte und Grabinschrift für Herrn und Frau Gong; Provinz Shanxi, Tang-Dynastie, datiert 820. Steinabreibung, Tusche auf Papier, 67 x 67 cm; Museum Rietberg Zürich, Geschenk Hilde Flory-Fischer, © Foto: Rainer Wolfsberger