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Leibniz’ Lager

Dez 11, 2016 bis Mär 5, 2017

tn Was wäre, wenn Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der umtriebige Universalgelehrte der frühen Aufklärung, sich der Aufgabe gestellt hätte, sein Wissen auf möglichst anschauliche und erfahrbare Weise, mittels Naturalien und Artefakten, der Allgemeinheit zu vermitteln? Wie sähe ein Lager aus, in dem er solche Gegenstände für den späteren Unterricht aufbewahrt hätte?

Diese Fragen beantworten Floris Neusüss und Renate Heyne – im Leibniz-Jahr 2016 – in ihrer als Gedankenspiel angelegten Fotogramm-Ausstellung. "Leibniz’ Lager" kommt einem imaginären Gang durch das fiktive Depot des Gelehrten gleich, in dem die Dinge nicht immer sorgfältig sortiert, sondern oft einfach abgestellt wurden. Allerdings handelt es sich bei den Exponaten nicht um die Artefakte selbst, sondern um Fotogramme von ihnen, welche das Künstlerpaar seit 2000 in zahlreichen Museen angefertigt hat. Im Rahmen der Ausstellung "Leibniz’ Lager" wird erstmals das umfangreiche Fotogramm-Archiv von Floris Neusüss und Renate Heyne präsentiert.

Die Ausstellung "Leibniz’ Lager" gleicht einem Gang durch das fiktive, unter Raum- und Personalnot leidende Lager des Universalgelehrten Leibniz. Die Sammlungsobjekte, die darin abgestellt sind, sind nicht immer sorgfältig sortiert, sondern oft scheinbar wahllos abgestellt. Es ergeben sich mitunter wunderliche Nachbarschaften: Neben dem Portrait eines Papstes ist eine afrikanische "Kraftfigur" zu finden, neben einem Kruzifix das Präparat einer Störs. In "Leibniz’ Lager" gibt es aber auch Zusammenstellungen, die offenbar nicht zufällig, sondern mit Bedacht vorgenommen wurden: In einem Raum versammelt Leibniz Dampfmaschinen, hier scheint durchaus Ordnung zu herrschen.

Allerdings – und das ist das Besondere der Präsentation im ZKM – handelt es sich bei den Exponaten nicht um die Artefakte selbst, sondern um Fotogramme von ihnen, die die beiden Künstler in zahlreichen Museen seit 2000 angefertigt haben. Im Rahmen der Ausstellung wird erstmals das umfangreiche – und wohl einmalige – Fotogramm-Archiv von Floris Neusüss und Renate Heyne ausgestellt, das die mediale und historische Dimension des Fotogramms verdeutlicht. Das Fotogramm verdankt seine Entstehung der Erfindung der Fotografie durch den Engländer William Henry Fox Talbot um 1835. Im 19. Jahrhundert wurde es als Verfahren, mit dem sich feinste Details abbilden lassen – wodurch es der Linsenfotografie zunächst noch überlegen war –, hauptsächlich in den Naturwissenschaften, zum Beispiel in der Botanik angewandt. Auch Röntgenbilder sind letztlich nichts anderes als Fotogramme.

KünstlerInnen entdeckten das Fotogramm für ihre Arbeit erst im 20. Jahrhundert: Im Kontext von Dada durch Christian Schad 1919 in Genf, in Paris durch den Surrealisten Man Ray 1922 und in Berlin durch den Konstruktivisten László Moholy-Nagy, ebenfalls 1922. Sie spürten, dass das Fotogramm im Unterschied zur Fotografie eine idealisierende Abstraktion der Objekte bewirkt, weil es deren Materialität gewissermaßen überwindet, indem es die Oberflächen verbirgt, und weil es nicht der gewohnten Sehperspektive folgt. Die KünstlerInnen erkannten, dass das Fotogramm nur durch Licht eine neue Bildwirklichkeit schafft, die gleichwertig neben die klassischen Disziplinen der Skulptur, der Malerei und der Zeichnung tritt.

Trotz der enormen Anziehungskraft, die das Fotogramm ausübte und mit Protagonisten wie Man Ray und Moholy-Nagy seine wirkmächtigsten Vertreter fand, blieb deren künstlerische Gefolgschaft in diesem Medium seither überschaubar. Das liegt zum wesentlichen Teil daran, dass das Fotogramm nichts zuvor Gesehenes reproduziert und nicht den Trost der Wiedererkennbarkeit spendet, wie dies die Fotografie tut. In einer Kultur des immer schneller werdenden Blicks glitt dieser über Fotogramm-Bilder hinweg, die ihn nicht durch Oberflächenreize zu fesseln suchten. Die Bildwirklichkeit der Fotogramme berührt dabei heute mehr denn je höchst aktuelle kulturelle und sozialpolitische Fragestellungen im Kontext von Sein und Schein sowie philosophische Diskurse von Platon über Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno, Vilém Flusser und Jean Baudrillard.


Floris Neusüss und Renate Heyne: Leibniz’ Lager
Sammlungswelten in Fotogrammen
11. Dezember 2016 bis 5. März 2017

Koralle (Rhipidigorgia flabellum); Musée d’histoire naturelle, Fribourg. Fotogramm, 71 x 70 cm, 2006. © Floris Neusüss; Renate Heyne
Dorschkopf / Gadusmorrhua; Musée d’histoire naturelle, Fribourg. Fotogramm, 65 x 57 cm, 2006. © Floris Neusüss; Renate Heyne
Maske (Costa Rica). Museum für Völkerkunde München; Fotogramm, 60 x 50 cm, 2007. © Floris Neusüss; Renate Heyne
Zweischaliges Hyperboloid, mathematisches Modell; Mathematisches Institut der Universität Halle. Fotogramm, 60 x 50 cm, 2004. © Floris Neusüss; Renate Heyne
Sauerampfer; Fotogramm, 60 x 50 cm, 1997. © Floris Neusüss; Renate Heyne